Erneut gefährliche Schadstoff-Konzentrationen in der Nähe von Öl- und Gasbohrungen nachgewiesen

Ausdampfende Schadstoffe aus einem Flowback-Tank (Apogee Stadion, Denton, Texas)
Ausdampfende Schadstoffe aus einem Flowback-Tank (Symbolfoto: Apogee Stadion, Denton, Texas)
Aufnahme: SHALETEST Environmental Testing, ThermaCAM® GasFindIRTM) HSX-Kamera
(Video anschauen)
Mit einer neuen Messmethode ist es der Forschungsgruppe von Dr. Carpenter, Universität in Albany, NY, USA, jetzt gelungen, die Bandbreite und die Größenordnung gesundheitsgefährdender Luftemissionen der Öl- und Gasindustrie genauer zu erfassen. Kern der neuen Methode ist das Einbeziehen der direkt betroffenen Anwohner und deren Beobachtungen.

Es wurden besorgniserregende Konzentrationen mehrerer giftiger Substanzen in der Atemluft nahe von Öl- und Gas-Betriebsplätzen nachgewiesen, darunter das u. a. Krebs erzeugende Benzol, das ebenfalls u. a. Krebs erzeugende Formaldehyd sowie Schwefelwasserstoff, der wegen seiner Giftigkeit unter keinen Umständen in die Atemluft gelangen darf.

Zusammenfassung der Studie*:

Hintergrund
Horizontalbohren, hydraulisches Frakturieren und andere Bohr- und Stimulationstechniken werden mittlerweile breit in den USA und zunehmend auch in anderen Ländern eingesetzt. Sie ermöglichen Steigerungen der Öl- und Gasproduktion. Allerdings wurden die möglichen Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit bisher unangemessen wenig beachtet. Die Luftqualität im Umfeld von Öl- und Gas-Betriebsplätzen ist aus fünf Gründen ein noch zu wenig untersuchtes gesundheitsbezogenes Anliegen: (1) der Fokus liegt in erster Linie auf Bedrohungen der Wasserqualität; (2) das Bewusstsein, dass bestimmte Öl- und Gas-Produktionsschritte die Luftqualität beeinflussen, entwickelt sich jetzt erst; (3) begrenzte staatliche Luftmonitoring-Netzwerke; (4) sehr große Schwankungsbreite von Emissionen in die Luft und Schadstoffkonzentrationen; und (5) Luftqualitätsuntersuchungen, die wichtige Hinweise von Anwohnern übersehen.
Vorläufige Untersuchungsergebnisse deuten darauf hin, dass flüchtige Substanzen, einschließlich toxischer Luftschadstoffe, wahrscheinlich Anlass zur Besorgnis darstellen. Die hier berichtete Untersuchung unterscheidet sich von früheren Studien, weil sie eine anwohnerbasierte Methode anwandte, um Messpunkte für Luftverschmutzungen zu identifizieren. Mit diesem Ansatz haben wir Konzentrationen flüchtiger Substanzen in der Luft bestimmt, die den Besorgnissen der Anwohner entsprechen und die die Notwendigkeit aufzeigen, ein Luftmonitoring detaillierter und häufiger als bisher über den gesamten Produktionszyklus von Öl und Gas durchzuführen.

Methoden
Eingewiesene Freiwillige nahmen Luftproben an Orten, die zuvor durch systematische Beobachtung der industriellen Aktivitäten und deren Auswirkungen auf die Luft bestimmt wurden, wie sie die Anwohner im Tagesverlauf beobachtet hatten. Die Proben wurden gaschromatographisch bzw. massenspektrometrisch (EPA Methode TO-15 oder TO-3) auf insgesamt 75 flüchtige organische Stoffe analysiert. Formaldehyd-Konzentrationen wurden mittels UMEx-100-Passivsammlern bestimmt.

Ergebnisse
Die Konzentrationen von acht flüchtigen Chemikalien überschritten die bundesgesetzlich festgelegten Grenzwerte. Benzol, Formaldehyd und Schwefelwasserstoff waren dabei die Schadstoffe, deren Überschreitung sowohl akuter als auch anderer gesundheitsbezogener Grenzwerte am häufigsten festgestellt wurde.

Schlussfolgerungen
Luftkonzentrationen von potentiell gefährlichen Substanzen und chemischen Mischungen sind in der Nähe von Öl- und Gasbetriebsplätzen häufig nachweisbar. Anwohnerbasierte Forschung kann eine wichtige Ergänzung zu staatlichen Luftmonitoring-Programmen liefern.

Bedeutung für die Öl- und Gasproduktion in Deutschland

Wegen der nahezu identischen Produktions-, Aufbereitungs- und Transporttechniken von Öl und Gas liegt es mehr als nahe, ein Luftmonitoring und insbesondere die anwohnerbasierte Untersuchungsmethode zukünftig auch in Deutschland anzuwenden. Weltweit, so auch in Deutschland, kommen dieselben Techniken und Geräte wie in USA zum Einsatz – ein Luftmonitoring findet dagegen, auch in Deutschland, in der Regel überhaupt nicht statt und wenn doch, dann an Messpunkten, die aufgrund der schnellen Verdünnung eventuell ausgetretener Schadstoffe in der Atmosphäre kaum aussagekräftige Messwerte bringen können. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der signifikant erhöhten Krebshäufigkeit in einem niedersächsischen Erdgasfördergebiet, die mit der örtlichen Gasproduktion zusammenhängen könnte, scheint ein engmaschiges Langzeit-Luftmonitoring dringend geboten. Die Politik ist aufgerufen, entsprechende gesetzliche Vorschriften zu schaffen und ein angemessenes Luftmonitoring auch für die Öl- und Gasindustrie strikt anzuordnen.

* Originalarbeit:
Macey GP, Breech R, Chernaik M, Cox C, Larson D, Thomas D, Carpenter DO
Air concentrations of volatile compounds near oil and gas production: a community-based exploratory study
Environmental Health 2014, 13:82 doi:10.1186/1476-069X-13-82
Volltext Open Access

Siehe auch: Scinexx Wissensmagazin, 30.10.2014: Dicke Luft an Fracking-Standorten

Facebooktwittermailby feather