Radioaktivität im produzierten Wasser – mit und ohne Fracking

Symbol für Radioaktivität
Radioaktivität bei der Öl- und Gasförderung ist eine bislang unterschätzte Gefahr (Grafik: kundrius)
Radionuklide, die bei der Öl- und Gasgewinnung häufig anfallen – bekannt als NORM (naturally occurring radioactive material) -, sind ein bislang vernachlässigtes Umwelt- und Gesundheitsproblem. Insbesondere das produzierte Wasser (Lagerstättenwasser, Flowback beim Fracking, Kondenswasser während der Förderung) kann verschiedene Isotope verschiedener Elemente enthalten und Anlagenteile und Umwelt verstrahlen. Bei der Verklappung der flüssigen Abfälle in alte Bohrlöcher gerät die radioaktive Fracht in den unkontrollierbaren Bereich. Die tatsächliche Gefahrenlage korrekt zu ermessen, ist alles andere als trivial, wie eine neue Forschungsarbeit1 aus dem Marcellus-Frackgebiet (Pennsylvania, USA) zeigt.

Die herkömmliche Bestimmung der Radioaktivität von Fracking-Abwasser besteht in der Messung der Strahlung, die von dem Element Radium ausgeht. Allerdings ist diese Methode defizitär und unterschätzt die tatsächliche Strahlungsmenge unter Umständen erheblich, weil zahlreiche weitere, Strahlung emittierende Elemente vorkommen können – darunter Uran, Thorium, Actinium, das schon genannte Radium, Blei, Wismut und Polonium.
Die Forscher der multidisziplinären Arbeitsgruppe unter Leitung von Michael K. Schultz sollten ursprünglich nur eine neue Messmethode für Radioaktivität von Fracking-Abwasser für die US-amerikanische Umweltbehörde EPA testen, mit der die Gesamtradioaktivität der Abwässer gemessen werden könnte.

Dabei beobachteten sie, dass die Strahlungsmenge über die Zeit zunahm. Eine Erklärung für dieses Phänomen fand sich im Zerfall von Radium. Zerfallsprodukte von Radium waren initial nicht in den untersuchten Proben vorhanden. Sie entstanden erst, wenn die Proben luftdicht abgeschlossen waren und kein Radon (Zerfallsprodukt aus Radium) entweichen konnte. Die Wissenschaftler stellten fest, dass dieser Prozess einer zunehmenden radioaktiven Strahlungsmenge über einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren andauern könnte.

Exakte Messungen und Voraussagen über die zu erwartenden Strahlungsmengen in den Abfällen der Öl- und Gasindustrie sind hochkritisch für die Vorsorge gegen Umwelt- und Gesundheitsgefahren. Bisherige Messverfahren haben der Realität möglicherweise nicht ausreichend Rechnung getragen.

Die bundesdeutsche Strahlenschutzkommission hält es laut einer Mitteilung vom 17. Juli 2014 für ausreichend, bei den Ausflüssen von gefrackten Bohrungen die Strahlung der ihrer Auffassung nach »radiologisch relevanten Radionuklide (Ra-226, Ra-228, Pb-210)« zu monitorieren.

Das für die nordwestdeutschen Bundesländer LBEG wird nach eigenen Angaben in Kürze ein umfassendes Monitoring an 200 produktiven Erdgasförderbohrungen starten. Meine Presseanfrage danach, welche Parameter (z. B. NORM) wo und wie lange gemessen werden sollen, blieb bisher ohne Reaktion der Behörde.

Siehe auch: Jürgen Döschner, Schweigen über den strahlenden Abfall. Tagesschau-Archiv, 7.12.09


1 Andrew W. Nelson, Eric S. Eitrheim, Andrew W. Knight, Dustin May, Marinea A. Mehrhoff, Robert Shannon, Robert Litman, William C. Burnett, Tori Z. Forbes, and Michael K. Schultz
Understanding the Radioactive Ingrowth and Decay of Naturally Occurring Radioactive Materials in the Environment: An Analysis of Produced Fluids from the Marcellus Shale
Environ Health Perspect; DOI:10.1289/ehp.1408855

Facebooktwittermailby feather