Neue Ungereimtheiten an der Wittorf Z1

Unbekannte Chemikalie auf Betonboden und in einer wassergefüllten Rinne, Absaugschlauch.
Bei Wartungsarbeiten an der Verpressbohrung Wittorf Z1: Unbekannte Flüssigkeit, laut Unternehmenssprecher »höchstwahrscheinlich« Bindemittel.
Ausgelaufene Flüssigkeiten, Arbeiten an einer Leitung: Gestern ist die Verpressbohrung Wittorf Z1 erneut durch ungewöhnliche Aktivitäten aufgefallen. Ein zufällig vorbeikommender Aktivist der Bürgerinitiative Uelzen hat seinen Fotoapparat ausgepackt und das Geschehen auf dem triefnassen Platz dokumentiert.


Alle Fotos: Bernd Ebeling

Aktivist Bernd Ebeling berichtet: »Ein Gefahrgut-Tanklaster mit Absaugvorrichtung der Fa. Bilfinger stand nahe dem E-Kreuz der Versenkbohrung. Zwei Monteure mit Atemschutzmasken schraubten an einer Verbindungsmuffe, direkt daneben zwei andere Monteure ohne Atemschutz und ein Sicherheitsfachmann der Fa. Dräger mit Messgerät. Nachdem sie bemerkten, dass da einer fotografiert, entfernten sich die Monteure ohne Atemschutz sofort fluchtartig und versteckten sich. Der Sicherheitsfachmann von Dräger schaute mich verdutzt an, ich zeige ihm durch deutliche Gestik (abfälliges Kopfschütteln), dass es mir völlig unverständlich ist, warum zwei Mitarbeiter dort direkt ohne Atemschutz standen.«

Derek Mösche, Sprecher des Betreiber-Unternehmens DEA, erklärte dazu heute auf Nachfrage: »Gestern wurde in der Anlage Wittorf Z1 ein Weicheisenring zwischen zwei Flanschen ausgetauscht. Dabei hat es sich um Wartungsarbeiten gehandelt, von denen zu keiner Zeit eine Gefahr ausging. Für Tätigkeiten dieser Art ist es zur Einhaltung unseres sehr hohen Sicherheitsstandards obligatorisch, dass Mitarbeiter der DEA sowie der beteiligten Spezialfirmen zeitweilig eine Atemschutzausrüstung tragen. Das LBEG war über die Arbeit informiert.«

Der Austausch des Weicheisenringes sei erforderlich gewesen, so Mösche weiter, »weil DEA-Mitarbeiter im Rahmen der regelmäßigen Anlagen-Überprüfungen festgestellt hatten, dass an der Verbindungsleitung zwischen der Pumpstation und dem E-Kreuz eine Dichtung (eben der genannte Ring) defekt war. Diese Dichtung wurde umgehend gewechselt und die Leitung vollständig geprüft. Weil dazu die Leitung geöffnet werden musste, war „Gasfreiheit“ sicherzustellen. Dies erfolgte unter Atemschutz durch einen Mitarbeiter des Gasschutzes. Die Reparatur selbst wurde durch Mitarbeiter der Firma Bilfinger durchgeführt, die aus Arbeitsschutzgründen ebenfalls Atemschutzmasken trugen. Dies sind arbeitsschutzrechtlich vorgeschriebene Maßnahmen, an die sich DEA strikt hält, um eine Gefährdung von Mensch und Umwelt generell auszuschließen.«

Warum die DEA offenbar ihre eigenen Mitarbeiter, wie auf den Fotos oben zu sehen, nicht auch mit Atemschutzgeräten ausgestattet hat, muss für heute deren Geheimnis bleiben.

Angesprochen auf die ausgelaufene rote Flüssigkeit auf dem Betonboden nahe der umlaufenden Rinne erklärte Mösche: »Die rötliche Verfärbung des Betons ist nicht durch Lagerstättenwasser hervorgerufen, sondern höchstwahrscheinlich durch Bindemittel, dass zur Aufnahme von Flüssigkeit ausgestreut worden war.«

Das LBEG, hier für die Bergaufsicht verantwortlich, hat auf Nachfrage bestätigt, dass es sich bei den Arbeiten um Instandsetzungsarbeiten gehandelt habe, weil die DEA eine defekte Dichtung zwischen Pumpstation und Verpresskopf festgestellt hatte. Damit erschöpfte sich die wie üblich knappe Antwort dieser Behörde – höchstwahrscheinlich gab es also nichts Ungewöhnliches zu sehen an der Wittorf Z1 und alle gehen weiter.

Keine Gefahr, zu keiner Zeit

Die Verpressbohrung Wittorf Z1, wenige Meter entfernt von dem Gehöft Grapenmühlen (Lk. Rotenburg/Wümme, Gemeinde Visselhövede), war eine wenig produktive Erdgasbohrung, bis sie im Jahr 1994 teilverfüllt und zur Untertagedeponie für Flüssigmüll aus der Erdgasproduktion umfunktioniert wurde. Seither sind über eine Dreiviertelmillion Kubikmeter flüssiger Sonderabfall in den Kalkarenit in ca. 1100 Metern Tiefe verpresst worden, obwohl der Kalkarenit in Fachkreisen nicht als geeignetes Endlager für diesen Müll gilt und diese Praxis »demnächst« sowieso eingestellt werden soll.

Auch schon die Teilverfüllung in den 1990er-Jahren wurde zur Endlagerung von gefährlichem Müll genutzt.
Rund 7,5 Tonnen quecksilberhaltiger Rückstände aus dem Erdgasbetrieb Söhlingen hatte das Konsortium aus BEB Erdgas und Erdöl GmbH, Mobil Erdgas Erdöl GmbH (beide heute zum US-amerikanischen Konzern ExxonMobil gehörend), RWE-DEA AG (heute als DEA bekannt und in russischer Hand) und Wintershall AG beantragt, in der Wittorf Z1 zu entsorgen.

Umweltaktivist und Abwasser-Ingenieur Bernd Ebeling mutmaßt, dass tatsächlich mehr als nur Quecksilber verklappt wurde, und erklärt: »Meistens sind diese Abfälle Schlämme aus Abscheidern im Rahmen der Erdgasförderung und -reinigung sowie Scales/Verkrustungen aus den Innenseiten der Erdgasförderrohre aus Reinigungsvorgängen. Diese Schlämme enthalten auch verschiedenste Radionuklide. Ich gehe davon aus, dass hier nicht nur quecksilberhaltige Abfälle, sondern auch radioaktive Abfälle verklappt wurden. Die spezifische Aktivität kann bis zu 500 Bq/g (Becquerel je Gramm) in diesen Schlämmen betragen, teilweise sogar bis zu 1.000 Bq/g. Die Öffentlichkeit weiß davon nichts. Vor dem Hintergrund, dass in Deutschland seit knapp vier Jahrzehnten über eine sichere Lagerung von radioaktiven Abfällen diskutiert wird, ist mir die gängige Praxis mit diesen gefährlichen Abfällen in der Erdgas- und Erdölindustrie völlig unverständlich.«

Hohe Sicherheitsstandards, kaum Vorkommnisse


Fotos: Bente Battenbrook, Carin Schomann

Die Liste der bekannt gewordenen Störfälle an dieser unterirdischen Sondermüllverklappstelle ist nicht so lang:

Am 20.04.2012 sei ein Quecksilberaustritt an seit einem Jahr auf dem Platz gelagerten Förderrohren bekannt geworden.

Drei Wochen später, am 11.05.2012, brannten zwei Aktivkohlefilter auf den Lagerstättenwasser-Tanks.

Im Oktober 2012 hat die DEA lt. Bürgerinitiative Völkersen eine »Kommunikation zwischen Ringraum und Steigrohr«, im Klartext: eine Durchlässigkeit der Zementierung der Bohrung vermeldet.

Am 24.05.2013 liefen ca. 200 Liter Lagerstättenwasser aus – dem Vernehmen nach nach einer Druckmessung.

Im Sommer letzten Jahres stank es faul an der Wittorf Z1. Das wird wohl nur ein totes Tier gewesen sein, das im Wald verweste.

Wenige Monate nach dem Vorfall im Mai 2013 – es seien 200 Liter »Lagerstättenwasser« ausgelaufen – hatte sich die DEA als Betreiberunternehmen der Abfallentsorgungsanlage Wittorf Z1 endlich bequemt, den Betriebsplatz etwas sicherer zu gestalten. Ein geschlossener Betonboden und eine umlaufende Rinne haben jetzt zumindest verhindert, dass die offensichtlich umweltgefährdende Flüssigkeit, die gestern ausgelaufen ist, den Betriebsplatz verlassen konnte.

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