Untersuchungsbehörde rügt sorglose Gasförderung in Groningen

Abb. Zunehmende Erdbebenaktivität im Gasfeld Groningen
In Folge der Erdgasproduktion im Feld Groningen nehmen die Erdbeben an Häufigkeit und Stärke zu
(Quelle: Nederlandse Aardolie Maatschappij B. V. Nov. 2013)
Zu lange hätten Industrie, politische Entscheider und staatliche Aufsichtsstellen die förderbedingten Erdbeben im Groninger Gasfeld auf die leichte Schulter genommen. Die Fürsorge für die Bevölkerung, die Beachtung der öffentlichen Interessen seien eklatant vernachlässigt und das Vertrauen der betroffenen Bewohner verspielt worden. Das befindet die niederländische Untersuchungsbehörde für Sicherheit in ihrem am Mittwoch vorgestellten Untersuchungsbericht und fordert sowohl die NAM, ein Konsortium von ExxonMobil, Shell und der niederländischen Regierung, als auch die zuständigen Ministerien und die Bergaufsicht auf, die öffentliche Sicherheit endlich angemessen zu berücksichtigen.

Ein Jahr lang hatten die Sicherheitsprüfer das Groninger Erdbebenrisiko untersucht, mit Fokus auf die Rolle, die die Sicherheit der Einwohner in den bergbaulichen Entscheidungsprozessen gespielt hat.
Obwohl der Zusammenhang zwischen der Gasförderung und den Erdbeben seit 1993 bekannt war, wurden die Risiken für die Einwohner bis 2013 nicht anerkannt, heißt es in dem Bericht.

Die Verantwortlichen betrachteten das Sicherheitsrisiko für die Bevölkerung als vernachlässigbar und schlugen somit die Ungenauigkeiten ihrer Risikoeinschätzung in den Wind. Sie haben dabei versagt, die gebotene Vorsorge für die Bürger in Groningen walten zu lassen.

Gerald Schotman, Managing Director bei NAM und Chief Technical Officer bei Shell NL, sah ein: »Die Unsicherheit über die Erdbeben ist größer als in der Vergangenheit angenommen. Wir verstehen die Gefühle von Angst und Unsicherheit bei den Einwohnern.«

Auf der Grundlage ihrer Untersuchung formulierte die Untersuchungsbehörde Empfehlungen, anzuwenden in der aktuellen Situation in Groningen und darüber hinaus für alle laufenden und geplanten Vorhaben im tiefen Untergrund, das heißt unter 15 Metern, in den Niederlanden.

Das Wirtschaftsministerium solle das Umweltministerium und die Abteilung für Wohnraum im Finanzministerium in seine Entscheidungen einbeziehen. Es solle die Bürgerbeteiligung und die Unabhängigkeit der Bergaufsicht verstärken.

Der Wirtschaftsminister, die Bergbau-Unternehmen und die niederländische Organisation für wissenschaftliche Forschung sollen die Pflicht der Unternehmen zu forschen verstärken und ein Langzeit-Forschungsprogramm auflegen.

Den Unternehmen und dem Wirtschaftsminister schreibt die Untersuchungsbehörde mehr Transparenz ins Gebetbuch und fordert Offenheit hinsichtlich bestehender Unsicherheit in der Kommunikation mit den Bürgern. Es solle deutlich werden, wie stark die Unsicherheit in die Entscheidungsfindung bei der Erkundungen und Förderung der Bodenschätze einfließt. Diese Kommunikation dürfe nicht auf eine bloße PR-Übung reduziert werden, so die Behörde.

Hintergrund:
2013, in dem Jahr mit der höchsten Erdgas-Förderquote in den Niederlanden, gipfelte die Erdbebenhäufigkeit mit über 120 Beben allein in der Provinz Groningen (s. Grafik bei opengis.eu).

Das Beben von Loppersum in der Nacht vom 12. auf den 13. Februar 2014 übertraf mit einer Magnitude von 3.6 alle bisherigen Beben an Stärke und war gewissermaßen der Wendepunkt, ab dem die internationale Öffentlichkeit Notiz nahm. Der Bericht der Untersuchungsbehörde, deren Untersuchung da gerade begonnen hatte, dürfte nicht unbeachtet bleiben – insbesondere nicht in Nordwestdeutschland, ebenfalls Gasförderland und zunehmend von gasförderbedingten Beben heimgesucht.

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