Signifikant erhöhte Blutkrebsrate bei Männern in Bothel: Ist die Erdgasförderung schuld?

Ist die Heide mit krebserregenden Stoffen kontaminiert?
Ist die Heide mit krebserregenden Stoffen kontaminiert?

Epidemiologische Untersuchung der Samtgemeinde Bothel veröffentlicht:
Männer zweimal so häufig wie erwartet an Blutkrebs erkrankt

Gestern wurden in Rotenburg an der Wümme die Ergebnisse einer kleinen Krebsstudie vorgestellt. Auf Initiative von besorgten Bürgerinnen und Bürgern waren die Diagnosehäufigkeiten fast aller Krebsarten bei der Bevölkerung der Samtgemeinde Bothel, mitten im niedersächsischen Gasland, anhand des Epidemiologischen Krebsregisters Niedersachsen untersucht worden. Herausragendes Ergebnis ist eine statistisch signifikant erhöhte Erkrankungsrate an Blutkrebs bei Männern. Die zweite meistbetroffene Gruppe sind Kinder bis 14 Jahre, ebenfalls mit Blutkrebs.

Obwohl bekannt ist, dass diese Krebsart häufig durch Kohlenwasserstoffe, insbesondere Benzol, verursacht werden kann, lässt das Untersuchungsergebnis allein noch nicht den Rückschluss zu, dass die Erdgasförderung vor Ort schuld an dieser beklagenswerten Häufigkeit von Krebserkrankungen ist.

Silke Döbel aus Hemslingen, Mitinitiatorin der Untersuchung, war schockiert von dem Untersuchungsergebnis und hat umgehend an den zuständigen Umweltminister geschrieben. Sie erklärt: „Ich möchte von Stefan Wenzel wissen, was seine Behörde unternehmen wird! Ich wünsche mir Ursachenforschung und Aufklärung ohne Rücksicht auf mögliche Verursacher!“ Kathrin Otte, stellvertretende Vorsitzende der GENUK e. V. dringt darauf, dass Ärzte und Gesundheitsämter ab sofort mit erhöhter Aufmerksamkeit vorgehen und insbesondere auf mögliche durch Benzol und Quecksilber verursachte Krankheitszeichen achten. Dazu, so die GENUK in ihrer Pressemittteilung, müsse es eine umfassende Gesundheitsuntersuchung der Bevölkerung in diesen Gasfördergebieten geben. Außerdem müssen „… endlich umfassende und langfristige Boden- (aktuelle Untersuchungen durch das LBEG eingeschlossen), (Oberflächen-)Wasser, organisches Gewebe (Wurzeln, Flechten etc.) und Luftmessungen (dringend: bodennahe Luftmesspunkte, Messungen in der Fackel etc.) vorgenommen werden.“

Seit Langem hatten die GENUK e. V. und die „Bürgerinitiative für Gesundheit“ (BIG), die „BI Söhlingen“ und die „Wittorfer für Umwelt und Gesundheit“ (WUG) darauf gedrungen, dass das „gefühlte“ Problem abnorm vieler Krebsfälle in ihren Dörfern von den Behörden wissenschaftlich untersucht wird. Schließlich hatte das Gesundheitsamt Rotenburg/W. eine entsprechende Abfrage des Krebsregisters beauftragt. Die Untersuchungsergebnisse sollen am kommenden Montag, 15. September 2014, um 18:30 Uhr in der Aula des Rotenburger Ratsgymnasiums von Vertretern des Landkreise öffentlich vorgestellt werden.

Siehe auch:

Gesundheitsfolgen der modernen Erdgasproduktion: Forschung steht noch am Anfang

Obwohl Erdöl und Erdgas seit über 100 Jahren konventionell und mit extremem Fracking in unkonventionellen Lagerstätten etwa seit 1996 (Amro 2013, nach Rushing und Sullivan 2003) gefördert werden, gibt es den Ansatz einer Gesundheitsfolgenforschung, die die Bevölkerung in Abbaugebieten betrachtet, erst seit etwa zwei Jahren. Einige frühere Untersuchungen aus der Perspektive des Arbeitsschutzes stellten erhöhte Blutkrebsraten bei Arbeitern auf Bohrplätzen fest. Eine Studie, die belegen könnte, dass Männer im Allgemeinen empfänglicher für bösartige Erkrankungen des blutbildenden Systems sind als Frauen, ist nicht bekannt. So ist das Botheler Ergebnis bislang ein Rätsel.

In der Literatur findet sich eine Parallele in einer Studie,[1] die 2010 von einem Forscherteam der Universität von Colorado durchgeführt worden war und unter anderem eine ähnliche Verteilung von „Krebserkrankungen des lymphatischen, blutbildenden und verwandten Gewebes“ (ICD 10 C81-C96)“ ergab. In der mit Bothel vergleichbar großen Untersuchungsgruppe, der Bevölkerung von Battlement Mesa, zeigte sich ebenfalls eine erhöhte Blutkrebshäufigkeit bei Männern, nicht aber bei Frauen.

Frühere Luftmessungen in Battlement Mesa hatten toxische Substanzen in der Luft ergeben, unter anderem Benzol. Die Studienautoren empfehlen u. a. eine verbesserte Vermeidung von Austritten von Kohlenwasserstoffen und von Feinstaub in die Luft und ein verbessertes Luftmonitoring.

Wie kommt das Benzol bei der Erdgasförderung in die Luft?

Sobald Kohlenwasserstoffe aus dem Untergrund an die Erdoberfläche kommen, können sie sich in der Luft verflüchtigen. Sie sollen den unterirdischen Rissen im Gestein zum Bohrloch folgen und von dort über den Bohrlochskopf aufgefangen werden. Es ist möglich, dass ein Teil der Kohlenwasserstoffe außerhalb des Bohrlochs an die Oberfläche kommt. Doch auch bei der regelhaften Abnahme der gewonnenen Kohlenwasserstoffe am Bohrlochskopf und der Weiterverarbeitung können bis zum Endverbraucher Lecks bestehen und Gas an die Luft austreten.

Damit gewonnenes Rohgas für den Endverbrauch geeignet ist, muss es üblicherweise getrocknet werden. Die meisten Trocknungssysteme funktionieren mit Glykol, die dem Rohgas das Wasser entziehen. Aromatische Kohlenwasserstoffe wie Benzol, Toluol, Ethylbenzol und Xylol (BTEX) reagieren williger mit dem Glykol als andere Kohlenwasserstoffe (zum Beispiel das begehrte Methan), die ebenfalls im Rohgas vorkommen. Wenn das Glykol durch Erhitzen recycled wird, dann fallen die zuvor gebundenen BTEX-Aromate und andere Kohlenwasserstoffe aus und verfliegen in der Luft, wenn sie nicht aufgefangen werden. BTEX-Emissionen sind als Luftschadstoffe klassifiziert, die toxisch sind, also gesundheitsschädlich für den Menschen.

Ozon, Stickoxide, Feinstaub, BTEX, Kohlenmonoxid, Schwefeldioxid und Benzoapyrene sind Luftschadstoffe, die in Erdgasförderarealen gemessen wurden.[2]

Ist die Heide mit krebserregenden Kohlenwasserstoffen kontaminiert?

Nach wie vor wird aus dem Erdgasfeld Hemslingen/Söhlingen, auf dem auch Bothel liegt, ein Gutteil des niedersächsischen Erdgases gewonnen. 46 aktive Erdgasbohrungen gibt es im Landkreis Rotenburg/Wümme (Auskunft der Landesregierung vom 16.04.2014), davon 16 auf den rund 148 km² der Samtgemeinde Bothel. Alle diese technischen Anlagen sind mögliche Emissionsquellen für Luftschadstoffe. Selbst wenn diese Anlagen selbst vollständig dicht sind, so können dennoch Schadstoffe bei Überholungen (workover), beim Abfackeln, bei der Aufbereitung und beim Transport austreten.

Eine weitere Quelle für unkontrollierte Austritte von Kohlenwasserstoffen im Erdgasfeld Hemslingen/Söhlingen könnte der Boden sein. Aus einem Bericht vom 16.09.2012 auf Facebook, verfasst von Franka Strehse, Bürgermeisterin in Visselhövede im Osten des Landkreises, geht hervor, dass dies möglich ist. Dort berichtet sie von einem Gespräch mit Prof. Dietrich Borchardt am 14.09.2012 in Bellen, wo ExxonMobil eine Entquickungsanlage des in diesem Feld stark quecksilberbelasteten Erdgases betreibt:

Auf meine Frage an den Wissenschaftler, ob eine Trinkwasserkontamination durch Leckagen oder Risse im Gestein möglich ist, bekam ich ein klares Nein zur Antwort. Als möglich hingegen wird eingeschätzt, dass Methan unkontrolliert flächig an die Oberfläche gelangen könnte. Das wäre für die Umwelt gefährlich, Methan gilt als Klimakiller. Menschen sind bei unseren geologischen Bedingungen nicht gefährdet. Aber weiter gilt: Hausbrunnen sollten regelmäßig beprobt werden, unabhängig von der Erdgasförderung.
Link (eingesehen am 02.07.2013; inzwischen nicht mehr erreichbar): https://www.facebook.com/permalink.php?id=121262327956059&story_fbid=357780330970923)

Auf Nachfrage bestritt Frau Strehse nicht, diesen Bericht verfasst zu haben.

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[1] Witter R, McKenzie L, Towle M, Stinson K, Scott K, Newman L, and Adgate J
Health Impact Assessment for Battlement Mesa, Garfield County, Colorado
University of Colorado Denver, Colorado School of Public Health, Denver, Colorado, September 2010

[2] Field RA, Soltisa J and Murphy S
Air quality concerns of unconventional oil and natural gas production
Department of Atmospheric Science, University of Wyoming, Laramie, USA
Environ. Sci.: Processes Impacts, 2014,16, 954-969

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